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Ich bin mir sicher, dass mein Freudenschrei mindestens 50 km weit zu hören gewesen sein muss. Mein Herz machte Luftsprünge und ich wusste gar nicht wohin mit all diesen Glücksgefühlen. Mein erstes Stück Rotwild. Unfassbar. Sofort kämpfte ich mich zu ihm und versuchte mich im Thema Bergung. Diese gestaltete sich schwierig, wollte doch der verendete Wildkörper so gar nicht mithelfen. Zentimeter für Zentimeter zog ich den Spießer aus dem Bestand in Richtung Schneise. Sollte ich nicht schon alles Wild mit dem schrecklichen Weinen, dem anschließenden Freudenschrei aus dem Wald vertrieben haben, dann spätestens jetzt mit meinem Schnaufen wie eine alte Dampflokomotive. Kleidungsstück um Kleidungsstück fiel zu Boden. Wo blieb eigentlich der Förster, egal, selbst geschossen, selbst für die Bergung zuständig.

Mit dem letzten Ächzen zerrte ich MEIN Stück Rotwild auf die Schneise und der Förster mit seinem Hund erschien. Er grinste breit als er auf das vollkommen verschwitze, zerzauste knallrot köpfige und nur noch mit Hose und Unterhemd bekleidete Mädchen im Wald traf. Waidmannsheil, sagte er, reichte mir Hand und Bruch und nahm mich ganz herzlich in die Arme.

Dieser Moment war einfach unbeschreiblich schön. Meine Herren waren mittlerweile auch wie durch Zauberhand angekommen und sehr andächtig wurden Hände geschüttelt, der Spießer zum Auto gebracht und schweigend zur Wildkammer gefahren. Mein Schuss saß knapp hinter dem Blatt, das Herz war durch das Geschoss geteilt worden. Einen Ausschuss gab es nicht. Zum Frühstück bekam ich keinen Bissen herunter, noch immer war ich so voller Adrenalin und Freude, dass ich, wenn nicht die Ohren im Weg gewesen wären, sicher im Kreis gegrinst hätte.

Der Förster erlaubte mir, die Trophäe mitzunehmen. Ich versicherte ihm, dass diese einen Ehrenplatz erhalten würde. Von der Rückfahrt nach Hause weiß ich nichts mehr, außer dass ich die ganze Zeit die Lieder aus dem Radio mitgeschmettert haben musste, denn zu Hause angekommen war ich heiser. Ein Freund meldete sich und natürlich erzählte ich ihm gleich von meinem Erlebnis. Er bot an, mir das Haupt entsprechend zu bearbeiten und auch auf ein Brett aufzusetzen. Er käme sowieso vorbei und könnte es am Montag gleich abholen. Gerne nahm ich dieses Angebot an.

Im August fragte ich dann einmal nach, ob er wohl bereits dazu gekommen sei, meinen Spießer zu verarzten. Nein, aber er mache sich daran. Auf einer Drückjagd im Oktober trafen wir uns und ich hatte das Gefühl, mein Freund ginge mir aus dem Weg. Ich fragte also nach der Ursache und ziemlich kleinlaut erzählte er mir, er habe sich beim Abschlagen irgendwie „versägt“ und auch sei der Bast an den Spießen beim Abkochen irgendwie „abhanden“ gekommen, er habe den aber jetzt schon mal geblichen und ich könne ihn mir dann abholen.

Es bot sich mir ein Bild des Grauens. MEIN Flitter-Hirsch, zugerichtet aufs Schlimmste. Mir kamen die Tränen. So ein unvergessliches Erlebnis sollte nicht so enden. Vollkommen verzweifelt brachte ich diese Schande zu einem Präparator in meiner Nähe. Dieser schlug die Hände über dem Kopf zusammen, sagte „Mädchen, Mädchen, Mädchen, sieh' zu, dass du Land gewinnst, ich melde mich!“

Zwei Tage vor Weihnachten erhielt ich eine Nachricht mit einem Bild von sehr vielen Einzelteilen eines Präparates. Die Worte, die unter dieser Nachricht standen, verschweige ich an dieser Stelle. Als Quintessenz solle ich mir keine Hoffnungen mehr machen, es sei wohl nichts zu retten. Er würde jetzt Weihnachten feiern und dann nochmals einen letzten Versuch wagen. Sollte das nicht funktionieren, müsste ich mich leider von dem Haupt verabschieden. Zu meinem Geburtstag im Januar klingelte es an der Tür. Der Präparator mit einer Tüte in der Hand. Ob er mit dem Förster verwandt sei, hätte ich fragen sollen, das Grinsen der beiden Männer war mehr als ähnlich. Er ließ mich einen Blick in die Tüte werfen und ich fiel ihm um den Hals. Er war fertig und endlich zu Hause, mein „Flitter-Hirsch“.


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