Dennoch vergingen Minuten und Minuten, die mit Gedanken gefüllt werden wollten. Wie lange sie wohl schon hier lebte, was sie an Erfahrung und Wissen weitergegeben, wie viele Jäger sie ausgetrickst hat.

Der sichere und sofort tödliche Schuss war kein Hexenwerk auf die Entfernung, war aber wohl der schwierigste, den ich bisher getätigt habe. Als sie sofort im Gras zusammensank und verendet war, gingen wir nach einigen Minuten zu ihr. Mir rollten Augenblicklich ein paar Tränen runter. Ich kann Ihnen gar nicht genau sagen wieso, es war ein Mix aus Trauer, Respekt und Demut.

Ich hockte mich daneben und war beeindruckt und zugleich tief betroffen über das Alter und den Zustand dieses Tieres. Wir beide konnten gar nicht viel sagen, manchmal sagen keine Worte auch das Meiste. Ich habe noch nie zuvor nach einer Erlegung geweint, doch diese Situation hat mich wirklich ergriffen.

Beim Aufbrechen wurde uns schlagartig klar, was das Alttier an Schmerzen gehabt haben muss. Ihr Körper war überseht von Tumoren, der Bauchraum gefüllt mit Wasser, was den kugelrunden Bauch erklärte. Die Leber war hart wie Stahl und mit Entzündungen versehen, die Lunge kaum noch vorhanden. Nun paarte sich auch noch ein Schuldgefühl dazu, sie nicht schon viel früher erlöst zu haben, es hat aber keine sichere Situation zuvor gegeben. Gut, dass sie nun keine Schmerzen mehr hatte, traurig, dass wir sie nicht mehr verwerten konnten. Was ein Abend mit einem Wechselbad an Gefühlen, viel gesprochen haben wir nicht.

Vielleicht war das abgesprungene Stück am Anfang eines ihrer Kälber, welches jetzt ihr Revier übernimmt. Vielleicht auch nicht, aber um ganz schnulzig wieder an den König der Löwen zu erinnern: schön wäre es.

Das Haupt haben wir übrigens abgekocht, die genaue Altersbestimmung steht noch aus und die Grandeln werden ganz sicher zu einem schönen Schmuckstück werden.


Laden...