Tipps zur Kitzrettung
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Tipps zur Kitzrettung

Text & Bilder Carola Rathjens

Mit dem Frühling und der wachsenden Vegetation beginnt für die Landwirtschaft die Zeit der Futterbeschaffung. Die erste Mahd von Wiesen, Weiden und Grünland kollidiert vielfach mit dem ersten Setzen der Kitze.

Eine gute Kooperation und Kommunikation zwischen Landwirten und Jägern hilft nachhaltig, den Tod vieler Rehe zu vermeiden, eben besonders von Kitzen. Nicht nur weil den Landwirten aufgrund des im Futter liegenden Kadavers ein großer Schaden entstehen kann (Botulismus), sondern auch weil das Tierschutzgesetz schlichtweg dazu verpflichtet, ist die Zusammenarbeit Hand in Hand mehr als wünschenswert.

Wie sollte das Grünland gemäht werden, um dem Wild eine Chance zum Flüchten zu verschaffen? Schmale Streifen Grünland sollten erst an den Vorgewenden gemäht werden und dann weiter von innen nach außen bearbeitet. Große Parzellen am besten von einer Seite zur anderen hin, nach Möglichkeit ohne die Schaffung von Inseln, die bis zum Schluss stehen bleiben und in denen Wildtiere dann „gefangen“ sind, weil sie sich aufgrund der unerwarteten Störung nicht aus der „sicheren“ Deckung ins Freie trauen. Sind Wälder oder andere Deckungen in der Nähe, so sollte die Mahd an deren abgewandten Seite beginnen.

Der Zeitpunkt für den ersten Schnitt ist aufgrund der starken Abhängigkeit von Witterung und Wetter nicht (immer) schon um mehrere Tage vorhersagbar, dann kommt doch keiner so spontan zur Hilfe… oder doch?

Ganz oft ist es anders: die Zusammenarbeit klappt bestens, die zuständigen Jäger sind engagiert und auch „Nicht-Jäger“ helfen gern! In Supermärkten kann man beispielsweise am schwarzen Brett einen Aushang machen, um auch nichtjagende Freiwillige zu rekrutieren. Vielleicht macht die örtliche Jägerschaft gerade einen Hundekurs, von der sich Führer nebst Hunden zur Verfügung stellen? Oder gibt es in der Nähe vielleicht auch Pfadfinder, die sich immer gerne naturverbunden zeigen? Deren Kontaktdaten lassen sich hier finden: https://www.pfadfinden.de/kontakt/landesverbaende/

… und dann ist es soweit, der Landwirt möchte gern mähen und gibt darüber Bescheid - was jetzt? Zunächst gilt es, einige Grundfragen zu klären, um ein Wenig funktionierende Ordnung in das Ganze zu bekommen:

  1. Wo ist das Grünland, das gemäht werden soll? Wie groß ist es, wie viele Menschen werden zur Suche benötigt?
  2. Wen kann ich anrufen? Entsprechende Telefonkette starten, wer hat Zeit und kann beim Suchen helfen?
  3. Gibt es im Umfeld vielleicht jemanden mit einer Wärmebildkamera oder einer Drohne, der helfen könnte?
  4. Ausreichend Verpflegung für die Helfer besorgen!

Bei der Suche selbst sollte auf Folgendes geachtet werden:

  1. Ruhiges Anstellen der Helfer
  2. Abstände zwischen ihnen so eng wie möglich, während der Suche halten
  3. Langsames, gemeinsames und konzentriertes Vorgehen auf einer Linie

Der Bundesverband der Copter-Piloten hat zur Rehkitzrettung nach Bundesländern sortiert die Helfer aufgelistet, vielleicht kann auch jemand aus der Luft beim Suchen helfen: https://bvcp.de/rehkitzrettung-aus-der-luft/

Was aber, wenn die Helfer tatsächlich ein Kitz im hohen Gras gefunden haben? Auf keinen Fall mit bloßen Händen berühren! Kitze haben in den ersten Wochen keinen bzw. kaum Fluchtreflex. Sie drücken sich und vertrauen auf ihre Tarnung sowie auf die Erfahrung der Mutter. Das Kitz also mit reichlich abgerupftem frischen Gras vorsichtig aufnehmen und vom Grünland tragen. Es hat sich bewährt, die Kitze in einem Korb oder einer Kiste mit Deckel „zwischenzuparken“, bis der gesamte Schlag abgesucht ist. Wird das Grünland unmittelbar im Anschluss gemäht, dann am besten abwarten, bis die Mahd beendet ist und dann die Kitze am Rand wieder freilassen.

Die Kitze machen in der Regel durch Fiepen auf sich aufmerksam und werden so von der Mutter gefunden und an einen anderen Platz geführt. Sollten am nächsten Tag noch immer Kitze nicht „abgeholt“ worden sein, empfiehlt sich, dies aus der Ferne noch etwas zu beobachten und dann zu entscheiden, wie weitergehend geholfen werden kann – hier finden sich Tipps dazu: http://www.rehkitzrettung.de/

Werden verletzte oder verwaiste Wildtiere aufgefunden, kann eine Wildtierauffangstation helfen. Es empfiehlt sich also, vorab zu klären, wo solche in der Umgebung zu finden sind und wie im Ernstfall schnell mit ihnen in Kontakt getreten werden kann. Eine kartographische Auflistung findet man hier:

http://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/artenschutz/01946.html

Hunde können die Suche unterstützen. Kitze haben von Natur aus keine oder kaum Witterung. Dies schützt sie vor Fressfeinden, macht jedoch auch die Suche für Hunde sehr schwer. Eine Vergrämung des Schlages findet durch die Hunde und die Helfer auf jeden Fall statt, so dass nicht gefundene Kitze oft nach der Absuche durch die Ricken aus dem Schlag geführt werden und erwachsene Stücke ihn aufgrund der Störung einige Tage meiden.

Zur weiteren Vergrämung können nach dem Absuchen noch einfach zu errichtende Scheuchen im Grünland platziert werden. Hierzu einfach ein Stück Dachlatte auf einem unten angespitzten Besenstil o.ä. befestigen, mit einer blauen Mülltüte (Wild kann die Farbe blau erkennen) überziehen und in die Erde stecken. Zur Abwechslung funktionieren auch leere Konservendosen, Flatterbänder und Knistertüten, die als Windspiel wirken sollen, ebenso wie Radios. Die Anzahl der Scheuchen richtet sich natürlich nach der Größe des Schlages.

Weitere Möglichkeiten einer Wildscheuche bzw. Vergrämung sind das Anbringen von entsprechenden käuflich zu erwerbenden Vergrämungsmitteln und blinkenden Lichtern. In der Praxis haben sich auch optisch-akustische Wildwarner bewährt. Diese gibt es in den unterschiedlichsten Preisklassen im Internet zu bestellen, beispielsweise diese hier:

Rehkitz-Retter: https://www.naturtech-oberland.de/produkt/kr01-power/

Diverse Variationen: https://www.wild-rettung.de/shop/

Wildscheuche (Seite 4 der Liste): https://www.fischer-reviereinrichtungen.de/fileadmin//user_upload/PDF/Fischer_Revier_Preisliste.pdf

Abschließend noch einige lokale Beispiele für Hilfe auch aus der Luft:

Für den Raum Gera: https://www.rehkitzrettung-gera.de/

Im Raum Goslar finden Landwirte hier Freiwillige, die gern beim Finden helfen: https://www.rehkitzrettung-goslar.de/infos-f%C3%BCr-landwirte/

Auch das Osnabrücker Land bietet Hilfe: https://www.rehkitzrettung.eu/

Inzwischen haben sich bundesweit mehrere Jägerschaften Rettungsdrohnen angeschafft und stellen sie lokal zur Verfügung. Die Helfer dort sind meist hoch engagiert und nehmen manchmal weite Fahrten auf sich, um auch außerhalb der eigenen Gruppe zu helfen. Es lohnt sich also, nach solchen zu fahnden, wenn die eigene Kreisgruppe (noch) keine Drohne hat – und einem selbst darf so etwas gerne mal eine Jagdeinladung als Geste wert sein! Ein Beispiel für eine lokale Drohne der Jägerschaft wäre z.B. die aus dem bayrischen Marktheidenfeld: http://www.bjv-marktheidenfeld.de/aktivit%C3%A4ten/rehkitzrettung/ Inzwischen funktionieren auch Vernetzungen und Aufrufe in den sozialen Medien recht gut, etwa über Facebook: in den dortigen Jagdgruppen kann nach Tipps und Kontakten gefragt werden, in lokalen Gruppen nach Helfern – übrigens auch mal für einen Müllsammeltag im Revier - aus dem Kreise der Nichtjäger. Und schon hat man nebenbei auch etwas für die Öffentlichkeitsarbeit getan!

Ich hoffe, diese Tipps helfen ein Wenig weiter. Oft fehlt in den betroffenen Revieren der erste Schritt, um die Organisationsmühen auf sich zu nehmen – es wäre schön, wenn der ein oder andere Jungjäger, der sich vielleicht etwas besser mit dem Internet und anderen Techniken auskennt als die etablierte Jägerschaft, sich nun motiviert fühlt und sich für „sein“ Revier oder seine Umgebung informiert und sein Wissen und seine Hilfe zur Verfügung stellt. Denn jedes einzelnes gerettete Stück vermeidet enormes Tierleid und bereitet den Findern große Freude – also: Gutes Gelingen!


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