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Im letzten Januar verlegte ich den ersten Ansitz an meinem Taunus-Luderplatz. Er ist maßgeschneidert für den beherrschten, sturen Ansitzjäger, der stundenlang sitzen kann, ohne auch nur das geringste Geräusch zu verursachen. Hier einen Fuchs zu schießen, ist hohes Waidwerk, ist echt Jagdkunst. Nur etwa 25 Meter vom Luder entfernt steht das Sitzchen, der „Kleine David“, wie wir ihn nennen. Der „Kleine David“ ist ein altgedienter, vielbenutzter Sitz, der ausgesprochen kälteempfindlich ist. Kaum ist das Thermometer unter den Nullpunkt abgesunken, ist unser kleiner David schon starr und steif gefroren. Wehe dem Jäger, der auf diesem Sitzchen nicht absolute Ruhe hält. Er schießt bestimmt keinen Fuchs. Seismographisch exakt registriert der „Kleine David“ jegliches Geräusch: Ein unvorsichtiges Augenzwinkern, eine schnelle, fahrige Bewegung nach der Flinte oder gar eine unbedachte Gewichtsverlagerung und der „Kleine David“ stöhnt, ächzt, knarrt und knackt. Hier muss man die Luft anhalten, wenn sich der rite Räuber heranwindet und der Griff nach der Flinte muss so vorsichtig und zeitlupenartig erfolgen, dass es der „Kleine David“ gar nicht merkt.

Den ersten Fuchs im letzten Jahr habe ich frühmorgens, kurz vor dem Hellwerden an diesem Luderplatz geschossen. Plötzlich war er am Luder. Gespenstisch lautlos, unruhig suchend ist er zwischen den Knochen und Rinderköpfen herumgehuscht. Die Farmhühner waren ausgegangen und der Rote suchte offenbar nach einem benagbaren Knochen. Ganz langsam und vorsichtig tastete ich nach der Flinte, ständig in Sorge, der „Kleine David“ könnte erwachen und ärgerlich werden. Nach geraumer Zeit erst gelang mir der Anschlag auf den dunklen, immer noch unruhigen Strich im glitzerndem Schnee. Direkt vor der breiten Stirn eines mächtigen Stierkopfes, in dessen Nasenknorpel noch der Führungsring steckte, habe ich dann die Fähe geschossen. Das hat mir der Rüde, der von mir unbemerkt, der lockenden Spur gefolgt war, übel genommen. Wie ein Strich zog er durch die schweigsamen Buchenstämme davon.

Foto: Niko Fux


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