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Aus dem Nichts kam ein ca. 120 Kilo-Keiler direkt auf unsere Gruppe zu, die zwei Kinder des Jagdherrn mitten in der Gruppe! Beide jung und nur mit einem Messer ausgestattet. Einer unserer Mittreiber schubst beide weg und stellt sich davor! Kurzes Tohuwabohu. Nach drei bis vier Sekunden bricht der Keiler links weg. Einer der Hunde geht drauf. Es war mein eigener! Mein Freund, ebenfalls in der Treiberwehr als Hundeführer dabei, trägt auf kurze Distanz einen Schuss an, der Keiler bricht zusammen und fällt. Alle Hunde dran und drauf, doch der Keiler versucht schwer getroffen, wieder hoch zu kommen! Ein Brüller an die Hunde und ein weiterer Schuss aus meiner Waffe. - Ruhe.

Dann von rechts der Ruf in einem Ton, der weder Fragen noch Widerspruch zulässt: Michi! Komm her! Du wirst hier gebraucht!!! Ok! 10 Meter nach rechts zu unserem Helden. Der liegt lag da, mit Schweiß/Blut an der Hose. Eine Sekunde später habe ich die Situation erkannt: Das Bein wurde schwer - auf Höhe des Knies erwischt. Ich forderte zusätzlich zu meiner eigenen alle Erste Hilfe Taschen der anderen Treiber an. Alle! Erschreckende Bilanz: nur die beiden Kinder und mein Freund hatten eine dabei! Mit meiner waren es vier- bei 11 Treibern…. Ich zog sofort den Stiefel an dem verletzen Bein aus und schnitt mit der Schere das Hosenbein auf. Verdammt, das war kein schöner Anblick. Ich entschied mich umgehend, das Hosenbein komplett abzuschneiden und ein Dreieckstuch unter das Bein zu legen, um weiteren Dreck von der schweren Verletzung fern zu halten. Zwei sehr tiefe, lange Fleischwunden auf Höhe des Knies. Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen nur so viel: Dass die Kniescheibe nicht gebrochen war, konnte ich so beurteilen. Alles war quasi freigelegt.

Ok, ich musste tatsächlich einmal kurz tief durchatmen, nicht, weil ich den Anblick nicht ertrug- ich habe leider schon Schlimmeres gesehen- aber: die Kombination aus Ort des Geschehens und Schwere der Verletzung war kompliziert. Somit war es an mir, erst einmal Ruhe auszustrahlen, die Erstversorgung zu leisten und die Antwort auf die Frage finden: Wie geht es hier weiter? Ich gab dem Funker folgende Anweisung: RTW und Notarzt anfordern! Ich sah zwar keine Lebensgefahr für den Verletzten, jedoch war mir klar, dass er Schmerzmittel oder eine Narkose für den Abtransport- wie auch immer der sein sollte- brauchen wird. Der Funkspruch ging raus. Dann habe ich weiter überlegt und kam zu einem neuen Entschluss: wir brauchen einen Rettungshubschrauber. Hier kommt keiner raus mit Trage in der Hand. Alle Beteiligten starrten mich mit großen Augen an und schüttelten leicht den Kopf. Unverständnis machte sich erstmal breit…ich schwieg. Dann haben alle nochmal nachgedacht und ein paar Momente später erntete ich bestätigendes Kopfnicken. Der Funkspruch mit der Information, dass wir einen Hubschrauber zum Bergen brauchen, ging raus.

Dann! Sauen erneut im Anmarsch! Kreisförmig stellten sich die Schützen um mich, den Verletzen und die beiden Kinder (beide alte genug um an solchen Jagden als Treiber teilnehmen zu dürfen!). Alle Durchgehschützen gingen in Anschlag. Was für ein Szenario...

Ich habe einfach weiter gemacht: Tuch unter dem Bein war ausgebreitet. Einen 30 Grad Winkel im Knie mittels eine drunter geschobenen Jacke hergestellt, Haut grob wieder an die Stelle gebracht, an die sie gehörte. Dann einen normalen Schutzverband angelegt, während dessen immer wieder Pulskontrolle gemacht und Bewusstseinsfragen gestellt. Als der Verband angelegt war, habe ich mit Klebeband außen auf dem Verband das Verletzungsmuster aufgebracht, damit sie im RTW oder Krankenhaus später sehen, wo man den Verband NICHT aufschneiden sollte.

Immerhin, die Sauen zogen weiter. Die Anspannung aller war fast greifbar.

Funkspruch kam rein: Es ist derzeit kein Rettungshubschrauber verfügbar! Tatütata wurde hörbar, die Funksprüche überschlugen sich. Es wurde eine Kette von aus Menschen mit Warnwesten aus anderen Treiben ins Moor gestellt, umso den Sanitätern der Weg zum Verletzen zu zeigen. Endlich waren sie da! Puh- etwas Erleichterung machte sich breit!

Es folgte eine Übergabe meinerseits an die Sanitäter mit genauer Beschreibung des Vorfalls. Frage von denen: und wo ist das Schwein jetzt? Wir zeigen mit dem Finger auf den verendeten Keiler. Erleichterung nun auch bei den Profis. Einige Augenblicke später traf der Notarzt ein und kümmerte sich um die erste Medikation. Auch er ist- wie alle anderen durchs knietiefe Moor gestiefelt... Aber eine Frage blieb: Und wie jetzt bergen? Nach langen hin und her und Verabreichung von Schmerzmitteln über den bereits gelegten Venenzugang, fragten die Profis mich: Meinen sie, er kann auf einem Bein humpeln, wenn wir ihn von zwei Seiten stützen?


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