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Die Zeit vergeht und unser erster Jagdtag ist da. Ich erinnere mich ganz klar – am Samstag Nachmittag hat es ziemlich geregnet, aber dann war der Regen auf einmal weg und die Sonne hat den nassen Wald zum Kristallkönigreich gemacht. Wassertropfen haben überall im Wald geblitzt, als wir uns auf den Weg ins Revier gemacht haben. Zum letzten Mal haben wir abgestimmt, was und wie wir jagen wollen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt und ich, falls nötig, schnell schießen kann. Wir haben uns entschlossen, unseren ersten Versuch auf einem Hochstand inmitten eines großen Kahlschlages zu starten. Mit der Hoffnung, dass das Wild aus dem Wald ziehen würde, um sich in den letzten Strahlen der heutigen Sonne aufzuwärmen. Ja, das war unsere Hoffnung – doch die Mufflons waren anderer Meinung. Obwohl wir sie hörten, als sie durch den alten Bestand hinter uns zogen, kamen sie nicht in den Kahlschlag hinaus. Sofort war mein Pulsschlag so hoch, dass der Hochstand im Rhythmus meines Herzens vibrierte. Ohne Anblick geblieben gehen wir also langsam durch den Wald zurück zum Auto. Auf einmal hören wir ein Geräusch direkt vor uns – was kann das sein? Sauen! Eins, zwei, drei… Insgesamt 15 schwarze Flecke zogen vor uns über den Forstweg. So nahe! Sie waren nur maximal 10 Meter vor uns! Also hat St. Hubertus uns doch einen tollen Anblick geschenkt – Schwarzwild so nahe zu sehen ist ja immer etwas Besonderes!

Die Nacht habe ich im Jagdhaus bei meinem Freund verbracht, um mir anderthalb Stunden Fahrt nach Hause zu sparen. Der nächste Tag begann mit einem Wetter, das die Muffel überhaupt nicht mögen. Damals hatten wir keine Apps für die Wettervorhersage, so dass uns dieses Wetter ein bißchen überraschte. Diesmal war unser Plan, zunächst am alten Hochstand nicht weit vom Jagdhaus unser Jagdglück zu probieren und anschließend mit einer Pirsch entlang des Waldes fortzufahren. Es ist sehr ungemütlich – kalter Westwind mit noch kälteren Regentropfen im Gesicht ist nicht gerade ein angenehmer Wecker. Langsam wird es heller und uns klar, dass bei diesem Wetter kein Wild auf die offene Fläche ausziehen würde. Doch auf einmal bemerke ich eine Bewegung am Waldrand direkt vor uns – ein Schaf mit einem Lamm zieht langsam auf die Wiese. „Das ist aber eine Überraschung! Sowas würde ich nicht erwarten!“ kommentiert Dalibor. Doch diese Stücke sind nicht alleine – noch drei Schafe mit zwei Lämmern ziehen hinterher und dann… dann ein Widder. Aber was für ein starker! „Den habe ich hier lange nicht gesehen!“ wispert Dalibor mir leise zu. Dalibor ist ja ein Profi und kennt sein Revier und das Wild darin sehr gut, also überrascht es mich nicht. Alle Stücke lassen uns diesen Anblick nur kurz genießen und ziehen dann langsam zurück in den Wald, wo sie gut vor Wind und Regen geschützt sind. Wie in einem Traum. Der Regen wird immer stärker und der Wind lässt auch nicht nach. Wir entscheiden uns, für heute Schluss mit der Jagd zu machen, steigen langsam und vorsichtig vom Hochstand runter und freuen uns schon auf einen warmen Tee im Jagdhaus. Mein erstes Wochenende auf Muffeljagd ist vorbei und eine weitere Arbeitswoche steht vor mir.


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