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Es war immer noch sehr dunkel, doch da das Rudel schon durch war, machte ich mir wirklich keine Hoffnung mehr, dass sich noch etwas blicken lassen würde. Es wurde allmählich heller und vom Brunftplatz drang gedämpftes „Rülpsen“ des Platzhirsches zu uns herüber. Jedes Mal wieder ein einmaliges Erlebnis, diese urigen Laute aus den Tiefen des Waldes zu hören. Auch der Jungjäger neben mir war beeindruckt und durchaus ein wenig aufgeregt. Außer dem Hirsch, der irgendwo vor uns in den Stangen meldete, tat sich nichts mehr. Gegen 8:00 Uhr stieß mich mein Sitznachbar plötzlich an und zeigte aufgeregt auf die linke Seite der Schneise. Tatsächlich stand dort wie hingezaubert ein Hirsch und sicherte zu uns herüber. Bis ich das Glas oben hatte drehte er sich und fing an eine Fichte, die am Rand der Schneise stand zu bearbeiten. Das Geweih blieb nun hinter einer anderen Fichte verborgen. Auf den ersten Blick, als er auf der Schneise stand, wirkte er jedoch irgendwie abnorm.

Ich konnte mich jedoch getäuscht haben, zu dunkel und zu weit war die Stelle an der der Hirsch stand, um ohne Glas etwas Genaueres erkennen zu können. Nun stand der Hirsch mit dem Haupt hinter der Fichte und bewegte sich nicht mehr. Ich tauschte das Glas gegen die Waffe, denn sollte er wirklich abnorm sein und somit frei, musste es schnell gehen. Nun wuchs auch in mir die Aufregung. Bei meinem Nachbar war die Aufregung derweil deutlich größer und nachdem ich mich versichert hatte, das nicht durch meinen Puls das Absehen wackelte, merkte ich das tatsächlich die ganze Kanzel vibrierte, so wurde mein junger Begleiter vom Jagdfieber gebeutelt. Der Hirsch bearbeitete mittlerweile wieder die Fichte und mir war es als ob er bei einem Schritt zur Seite hinten einknickte. War der etwa Hirsch krank? Mein Begleiter bestätigte meine Beobachtung. Doch ich musste es noch einmal sehen, bevor ich sicher sein. Plötzlich drehte sich der Hirsch und machte spitz ein paar Schritte auf uns zu. Nun war klar zu sehen, dass die rechte Stange stark abnorm war und der linke Hinterlauf bei jedem Schritt einknickte. Der Finger lag am Abzug und ich wartete nur noch, dass der Hirsch etwas breit ziehen würde.

Doch was tat dieser? Er legte sich spitz zu uns, keine 80 Meter entfernt, mitten auf die Schneise. An einen Schuss war nicht zu denken und es bleibt uns nur abzuwarten. Unerträglich wurden die Minuten und der Hirsch sichert pausenlos zu uns herüber. Hat er was mitbekommen? Würde er gleich abspringen? Mein Puls schlug nun auch bis zum Anschlag und der Hochsitz wackelte immer noch. Wir beide konnten uns vor Aufregung kaum zusammenhalten. Mit jeder Minute die der Hirsch dort liegt, steigt das Risiko das er doch noch etwas mitbekommt und so beschloss ich den Hirsch zum Aufstehen zu bewegen. Mit kurzen Schrecklauten versuche ich mein Glück. Der Hirsch hob nur etwas das Haupt und blieb weiter liegen. Immer lauter schrie ich zum Hirsch herüber. Schließlich stand der Abnorme in einer Bewegung auf und äugte argwöhnisch zu uns, genau durch die Luken der Kanzel, wie es schien. Er stand immer noch spitz und ich ermahnte meinen jungen Nachbar sich etwas zusammenzureißen, da das Fadenkreuz wackelt wie ein Lämmerschwanz. Der Punkt wird ruhiger und ruht schließlich auf dem Stich. Der Schuss brach und ein deutlicher und dumpfer Kugelschlag war zu hören. Der Hirsch bricht vorne zusammen, kommt wieder hoch, wendet sich um, um in das dichte Stangenholz zu flüchten. Doch nach nicht einmal 10 Schritt blieb er stehen, schwankte und kippte dann zur Seite. Ein kurzes Schlegeln folgt, bevor er sich nicht mehr bewegt. Nun brach die ganze Anspannung der letzten halbe Stunde aus mir und meinem Begleiter heraus. Ein Aufschrei der Erleichterung und der Freude hallte durch den Wald und wir lagen uns in den Armen. Nach einer obligatorischen Zigarette gingen wir zum Hirsch. Ein Hirsch vom zweiten oder dritten Kopf, schwach im Wildbret und mit einem alten gebrochenen Hinterlauf liegt vor uns. Die Keule ist fast gänzlich zurückgebildet und wurde seit der Verletzung wahrscheinlich kaum noch belastet. Das Geweih ist wirklich abnorm und sehr interessant. Die linke Stange ist eine normal ausgebildete Stange mit einer deutlichen Krebsschere. Die rechte Stange ist dünn und verzerrt und wächst nicht, wie üblich leicht nach hinten gebogen vom Rosenstock weg, sondern verläuft einfach gerade aus dem Rosenstock heraus. Jetzt wurde mir auch bewusst, warum es mir schwer fiel den Hirsch auf ein passendes alter Anzusprechen – die abnorme Stange täuscht eine länge vor, die eher zu einem vierten Kopf passt. Die Freude ist groß, zum einen das wir den Hirsch erlösen konnten und natürlich auch über diese einzigartige Trophäe. Wir warten noch einige Zeit auf den Förster, der mit einem Hänger kommt. Auch er freute sich sehr zu diesem Hirsch und sagte: „Ich weiß schon, warum ich dich auf diesen Platz geschickt habe.“


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