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Den Schuss hat der Bock schon nicht mehr gehört. In dem Moment als der Schuss brach, lag er schon und regte sich nicht mehr. Ich hatte ihn direkt ins Herz getroffen.

Die Gefühlsachterbahn, die sich dann in Bewegung setzte, ist kaum zu beschreiben. Ich war unglaublich erleichtert, dazu sehr glücklich und stolz, und gleichzeitig tat mir der Bock einfach nur leid. Ich werde immer ein Jäger sein, der bedacht und überlegt an ein Stück herangeht und sicherlich schießen viele andere schon längst, wo ich noch überlege, aber so ist es nun mal. Wir haben alle unseren eigenen Kopf und Einstellungen im Leben und bei der Jagd.

Nach einer Weile habe ich meine Waffe entladen und bin von der Kanzel runter. Da saß July mit großen Augen und gespannt grinsend. Wir gingen zusammen quer über die Wiese und irgendwann schickte ich sie zur Suche. Es war zwar überhaupt nicht nötig, aber sie sollte auch das Gefühl bekommen, etwas beigetragen zu haben. Als sie am Stück war, freute sie sich wie ein Schneekönig. Der Apportierversuch scheiterte natürlich kläglich, aber sie war sehr glücklich. Ich nahm mir einen Moment Zeit, kniete mich hin, und sammelte meine Gedanken. Dann tastete ich den kranken Lauf ab, denn seit Monaten wollte ich wissen, warum der Bock nur auf drei Beinen lief, und es war mehr als deutlich zu fühlen. Die rechte Schulter und der Ellbogen waren regelrecht zertrümmert. Man fühlte Knochensplitter und die Bänder waren schon stark verkürzt. Die Schale des linken Hinterlaufs war auch nicht in Ordnung, da er dort beim Laufen das Gewicht abfing. Das sprach alles für einen schweren Zusammenstoß mit einem Auto. Unglaublich, wie der Rehbock sich damit arrangiert hatte. Nachdem ich das Unglück so nah betrachtet und getastet habe, war meine Erleichterung gleich doppelt so groß.

Danach machten July und ich uns mit dem Bock auf den Weg zurück. Zwischendurch hatte ich die Befürchtung, dass Julys strahlendes Gesicht einfriert und für immer so bleibt, denn sie war total aus dem Häuschen. Als wir wieder an der Kanzel angekommen sind, kam auch schon mein Mann angefahren. Ich habe dem Bock den letzten Bissen gegeben und der Erlegerbruch wurde mir feierlich überreicht. Holger freute sich riesig für mich, denn er hatte ja nun über Monate hautnah meine Bockjagd-Odyssee miterlebt und sich von mir alles anhören müssen. Alles! Vom klugscheißerischen Fachsimpeln, woran es liegen könnte, bis hin zum schlichten "Ach Mist!" (oder ähnliches) war alles dabei.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, wie oft ich in diesen Wochen und Monaten auf dieser einen Kanzel war. Wie oft ich Wild gesehen habe, was ich hätte erlegen dürfen, aber einfach kein Glück hatte. Wie oft ich mich insgeheim doch etwas geärgert habe, dass es einfach nicht klappen will. Wie viele Gedanken wir uns alle zusammen über eine passende Strategie gemacht haben. Jetzt machte das alles Sinn und Hartnäckigkeit zahlt sich tatsächlich aus.


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