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Über einen Pirschweg, der sich in unmittelbarer Nähe befand, ging ich hinunter. Bei dem Kitz angelangt, kniete ich mich daneben in den Schnee und sagte ganz leise „Es tut mir leid!“ Das tat es mir wirklich, denn augenscheinlich hatte es in der kurzen Zeit seines Lebens schon viel mitgemacht. Der kahle Fleck auf dem Rücken war sehr groß und in der Mitte befand sich genau auf der Wirbelsäule ein ca. 5 cm langer, verheilter Schnitt. Als nächstes untersuchte ich den Ein- und Ausschuss, denn es interessierte mich brennend, ob ich tatsächlich da getroffen hatte, wo ich es wollte. Der Ausschuss war nicht zu übersehen, denn er war riesengroß. In der dicken Winterdecke hatte ich den Einschuss erst nicht gesehen. Doch dann hob ich den kranken Lauf an und hörte sofort ein Zischen. Die Kugel traf das Kitz direkt in die Lunge. Ein klein wenig tiefer als gewollt, aber ich kann nicht bestreiten, dass ich in dem Moment stolz auf mich war, denn genauso hatte ich es mir gewünscht.. ein gut positionierter Herz- oder Lungenschuss, eine kurze Flucht, ein schnelles Ende!

Erleichtert kletterte ich den Hang wieder hoch und machte mich auf den Weg zum Auto. Sehr mühsam durch den verharschten, tiefen Schnee, aber von Frieren weit und breit keine Spur. Auf halbem Weg kam mir Holger entgegengestapft. Da er einen weiten Weg hinter sich hatte war auch er völlig außer Atem. Als Erstes fielen wir uns um den Hals und er wünschte mir ein dickes Waidmannsheil zu meinem ersten erlegten Stück. Dann verstauten wir schniefend die Waffen im Auto und fuhren, rutschten und schlitterten bis zu meiner Kanzel. Dort angekommen, nahm ich meine Hündin July aus dem Auto. Sie sollte, auch wenn ich das Böckchen schon gefunden hatte, natürlich auch etwas von meinem Jagderfolg haben. Und so durfte sie mit zum Kitz. Sie war ganz aus dem Häuschen und war begeistert von „ihrem“ Fund. Beim Bergen wich sie uns nicht von der Seite und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Während wir mit dem Kitz auf dem Weg nach oben waren, riefen mich unsere Jagdherren zurück, die ich zuvor versucht hatte zu erreichen. Ich berichtete ganz aufgeregt, dass ich das Bockkitz erlegen konnte. Sie freuten sich unglaublich und wünschten mir ein dickes Waidmannsheil. Am Auto angelangt, legten wir das Kitz ab und ich schnitt zwei Brüche von einer Fichte ab. Ich gab dem Kitz den letzten Bissen. Holger hatte auf dem Weg zu mir ebenfalls einen Bruch von einer Fichte abgeschnitten, strich diesen nun über den Einschuss, übergab mir feierlich den Erlegerbruch und wünschte mir Waidmannsheil. Ich bedankte mich, steckte mir den ersten Bruch an meinen neuen Hut und setzte ihn wieder auf. Ganz ehrlich, das war für mich ein unbeschreibliches Gefühl von Stolz und Ehrfurcht, Freude, Demut, Glück, Dankbarkeit und traurig sein... Die Gefühle purzelten nur so hin und her. Zum Schluss legte ich dann noch den in Besitznahme-Bruch auf das Stück.


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