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Eigentlich beginnt die Geschichte meines ersten Waidmannsheils schon einen Tag zuvor. Denn da saß ich nachmittags bei geschlossener Schneedecke und fiesem Regen an einem immer starkfrequentierten Wildacker an. Da es an diesem Tag schon der zweite Ansitz war und ich von morgens noch ziemlich durchgefroren und müde war, wollte ich eigentlich nachmittags aussetzen. Aber nach einem langen, inneren Kampf zwischen meinem Schweinehund und mir, entschloss ich mich doch mit rauszugehen. Ich wollte einfach nur dort sitzen und, wenn ich Glück habe, mit meiner Kamera Wild fotografieren. Meine „Betsy“, eine über 50 Jahre alte Steyr, war natürlich auch dabei.

Gut gewappnet gegen die Kälte mit Unmengen von Klamotten, Handschuhen, Mütze, Handwärmern, Kaffee und einem Ansitzsack, bezog ich mein Domizil für die kommenden Stunden. Kaum hatte ich mich eingerichtet, stand schon das erste Stück vor mir auf dem Wildacker. Ein junger Bock versuchte unter dem Schnee einige der wenigen Blätter zu finden. Zupfen, rupfen, scharren... schwer vertieft und hochkonzentriert. Einige Zeit später folgte ein zweiter Bock, ein Dritter, ein Vierter. Ein wirklich herrlicher Anblick. Vier gut genährte Böcke unterschiedlichsten Alters tummelten sich vor mir. Meine Kamera kam auf Touren und hatte viel zu tun. Nach und nach zogen alle Stücke vertraut weiter und es herrschte wieder Ruhe auf dem Wildacker. Zeit für einen Kaffee und Spekulatius.

Ungefähr eine halbe Stunde vor kompletter Dunkelheit, kam wieder Bewegung auf den Acker. Aus dem Wald trat eine Ricke mit zwei Bockkitzen. Das erste Bockkitz sah sehr gut aus – wohlgenährt, kräftig, munter. Das Zweite sah von den Proportionen auch sehr gut aus, allerdings hatte es eine große kahle Stelle auf dem Rücken und es lahmte auf dem rechten Vorderlauf. Ich kannte diesen kleinen Familienverband schon von einer Woche zuvor. Auch dort war mir bereits die kahle Stelle aufgefallen, aber ansonsten war der kleine Mann zu dem Zeitpunkt fit und munter. Dieses Mal sah es anders aus. Er setzte zwar das Bein auf, aber nur minimal. Das Scharren auf der Schneedecke fiel ihm sichtlich schwer, aber auch er vertilgte alles, was er kriegen konnte. Bei dem Anblick begann es in meinem Kopf zu rattern: Welches Ausmaß hat das Lahmen? Ist es eine starke Verletzung? Zu erkennen war äußerlich nichts. Würde es von selbst verheilen und hat er somit eine Chance gut durch den Winter zu kommen? Auch bei starkem Schnee und Eis und den damit verbundenen Schwierigkeiten auf den täglichen Strecken? Mein Bauchgefühl sagte mir, dass Handlungsbedarf besteht. Ich machte direkt Meldung bei unseren Jagdherren und wartete auf Antwort. Leider zog der familiäre Dreiertrupp in der Zwischenzeit weiter seines Weges.


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